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Die '''Vandalen''' waren ein [[Germanen|germanisches Volk]], das eine ostgermanische Sprache sprach. Zur Zeit des Tacitus siedelten sie zunächst in der nordöstlichen Germania magna, bevor sie sich im Verlauf der Völkerwanderung nach Westen und schließlich nach Nordafrika ausbreiteten, wo sie ein eigenes Königreich etablierten. Mit der Eroberung ihres Reiches durch oströmische Truppen im 6. Jahrhundert verschwinden sie weitgehend aus den historischen Quellen. | Die '''Vandalen''' waren ein [[Germanen|germanisches Volk]], das eine ostgermanische Sprache sprach. Zur Zeit des Tacitus siedelten sie zunächst in der nordöstlichen Germania magna, bevor sie sich im Verlauf der Völkerwanderung nach Westen und schließlich nach Nordafrika ausbreiteten, wo sie ein eigenes Königreich etablierten. Mit der Eroberung ihres Reiches durch oströmische Truppen im 6. Jahrhundert verschwinden sie weitgehend aus den historischen Quellen. | ||
Aktuelle Version vom 15. Februar 2026, 14:58 Uhr

Die Vandalen waren ein germanisches Volk, das eine ostgermanische Sprache sprach. Zur Zeit des Tacitus siedelten sie zunächst in der nordöstlichen Germania magna, bevor sie sich im Verlauf der Völkerwanderung nach Westen und schließlich nach Nordafrika ausbreiteten, wo sie ein eigenes Königreich etablierten. Mit der Eroberung ihres Reiches durch oströmische Truppen im 6. Jahrhundert verschwinden sie weitgehend aus den historischen Quellen.
Frühzeit
Die Herkunft und Abstammung der Vandalen ist nicht abschließend geklärt. Quellen wie Plinius, Tacitus und Ptolemaios erwähnen die Vandilier in der Weichselregion, jedoch mit unterschiedlichen Definitionen. Archäologisch wird eine Verbindung zur Przeworsk-Kultur im heutigen Polen vermutet, wobei diese Zuordnung unsicher bleibt. Die Vandalen könnten einer übergeordneten Kultgruppe der Lugier angehört haben. Im 2. Jahrhundert sind unterschiedliche Teilstämme nachweisbar: die Silinger in Schlesien und die Asdinger (Hasdinger) in Pannonien. Während der Markomannenkriege drangen sie in das Römische Reich ein, eine Ansiedlung der Hasdinger in Pannonien ist unter Kaiser Konstantin bezeugt.
Völkerwanderung
Um 400 n. Chr. verursachte das Vordringen der Hunnen große Umwälzungen in Nordeuropa. Vandalen, Alanen und Sueben zogen westwärts nach Gallien. Sie bildeten keine starren, „fertigen“ Völker, sondern neue militärisch organisierte Einheiten, deren soziale Strukturen stark vom Kriegsgeschehen geprägt waren.
Rheinüberquerung und Ansiedlung in Spanien
Am 31. Dezember 406 überschritten Vandalen, Alanen und Sueben den Rhein und drangen in die römische Provinz Gallien ein. Fränkische Foederaten wurden geschlagen. Ab 409 besiedelten sie die Iberische Halbinsel, wo sie kurzlebige Staaten gründeten, darunter das suebische Königreich in Galicien. Silingische Vandalen wurden in der Baetica fast vollständig vernichtet, während die Asdinger sich mit den Alanen vereinigten. 429 überquerten sie nach Nordafrika.
Königreich der Vandalen in Nordafrika
Unter Geiserich gelangten die Vandalen 429 nach Nordafrika, wo sie die Provinzen Byzacena, Proconsularis und Teile Numidiens besetzten. Karthago wurde 439 erobert, und die Vandalen errichteten ein Königreich mit einer eigenständigen Flotte, das auch Sardinien, Korsika und die Balearen kontrollierte. Formal blieb die Provinz Africa Teil des Römischen Reiches. Geiserich übernahm römische Lebensweise und Verwaltung, während sein Volk arianisch blieb, was soziale Spannungen mit der nizänischen Bevölkerung erzeugte.
Plünderung Roms 455
455 plünderten Vandalen und Alanen unter Geiserich Rom. Diese Plünderung war gezielt auf politische und materielle Interessen ausgerichtet, insbesondere auf die Sicherung der Verbindung zwischen der weströmischen Kaisertochter Eudocia und dem vandalischen Thronfolger Hunerich. Die Bevölkerung wurde weitgehend verschont, während Wertgegenstände nach Nordafrika gebracht wurden.
Nachfolge und Ende des Reiches
Die Nachfolger Geiserichs standen vor Herausforderungen durch die arianische Religion, Aufstände der einheimischen Bevölkerung und Berber. Unter Hunerich kam es zu Verfolgungen der Katholiken. Die Vandalen blieben bis zum 6. Jahrhundert eine bedeutende militärische und politische Kraft in Nordafrika. 533/534 wurde das Reich durch oströmische Truppen unter Belisar erobert. Gelimer, der letzte König, wurde nach Konstantinopel gebracht. Viele Vandalen wurden deportiert oder dienten später in der byzantinischen Armee.
Wirtschaft, Gesellschaft, Sprache und Kultur
Die Vandalen sprachen eine ostgermanische Sprache, die dem Gotischen nahe stand. Vor der großen Wanderung ist wenig über ihre Gesellschaft und Wirtschaft bekannt. Die in Nordafrika herrschende Elite übernahm römische Lebensweise und Verwaltung, einschließlich Kunst, Architektur und ökonomischer Strukturen. Die Münzprägung der Vandalen ist Gegenstand archäologischer und historischer Forschung.
Gleichsetzung mit den Wenden
Mittelalterliche Quellen setzten Vandalen mit Wenden oder Slawen gleich, insbesondere in Süddeutschland und später in Hansestädten. Humanistische Autoren wie Albert Krantz führten diese Gleichsetzung weiter aus, basierend auf pseudohistorischen Quellen. Erst im 16. bis 18. Jahrhundert setzte sich in der Geschichtsforschung die Auffassung durch, dass die Gleichsetzung historisch unzutreffend ist.
Siehe auch
Geschichtswissenschaftliche Nachschlagewerke
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Quellen
- Prokopios von Caesarea, Historien (oder Bella, Buch 3 und 4).
[zeitgenössische Beschreibung aus oströmischer Sicht] - Victor von Vita, Historia persecutionis Africanae provinciae
[tendenziöse, aber nicht unwichtige Quelle zu den inneren Vorgängen im Vandalenreich in Nordafrika]
Literatur
- Aufsätze und Lexika
- Siehe Germanische Altertumskunde Online ← Artikelsuche
- Hans-Joachim Diesner: Vandalen. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. RE Supplementband 10. Stuttgart 1965, Sp. 957–992.
- Christoph Eger: Silbergeschirr und goldene Fibeln. Die vandalische Oberschicht im Spiegel der Schatz- und Grabfunde Nordafrikas. In: Antike Welt. Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte, Jg. 35 (2004), Heft 2, S. 71–76, Vorlage:ISSN.
- Roland Steinacher: Vandalen. Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte. In: Hubert Cancik (Hrsg.): Der Neue Pauly, Band 15/3. Metzler, Stuttgart 2003, Sp. 942–946, ISBN 3-476-01489-4.
- Roland Steinacher: Wenden, Slawen, Vandalen. Eine frühmittelalterliche pseudologische Gleichsetzung und ihre Nachwirkungen bis ins 18. Jahrhundert. In: Walter Pohl (Hrsg.): Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 8). Verlag der ÖAW, Wien 2004, S. 329–353, ISBN 3-7001-3296-4.
- Darstellungen
- Guido M. Berndt, Roland Steinacher (Hrsg.): Das Reich der Vandalen und seine (Vor-)geschichten (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 13, ÖAW Denkschriften der phil.-hist. Klasse, 366). Verlag der ÖAW, Wien 2008, ISBN 978-3-7001-3822-8.
- Guido M. Berndt: Konflikt und Anpassung. Studien zu Migration und Ethnogenese der Vandalen (Historische Studien; Bd. 489). Verlag Mathiesen, Husum 2007, ISBN 978-3-7868-1489-4 (zugl. Dissertation, Universität Paderborn 2005).
- Ralf Bockmann: Capital continuous. A study of Vandal Carthage and Central North Africa from an archaeological perspective. Reichert, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-89500-934-1.
- Helmut Castritius: Die Vandalen. Etappen einer Spurensuche (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher; Bd. 605). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2007, ISBN 978-3-17-018870-9.
- Frank M. Clover: The Late Roman West and the Vandals (Collected studies series; Bd. 401). Variorum Books, Aldershot 2007, ISBN 978-0-86078-354-1 (Nachdr. d. Ausg. Aldershot 1993).
- Christian Courtois: Les Vandales et l'Afrique. Scientia-Verlag, Aalen 1964 (unveränderter Nachdr. d. Ausg. Paris 1955).
Nach wie vor das unübertroffene monografische Standardwerk. - Pierre Courcelle: Histoire littéraire des grandes invasions germaniques (Collection des études Augustiniennes: Série antiquité, 19). 3. Auflage, Paris 1964.
- Hans-Joachim Diesner: Das Vandalenreich. Aufstieg und Untergang (Urban-Taschenbücher; Bd. 95). Kohlhammer, Stuttgart 1966.
- Noël Duval u. a. (Hrsg.): L’Afrique vandale et byzantine. Brepols Verlag, Turnhout 2002/03
Die beiden Bände der Antiquité Tardive mit archäologischen, historischen und numismatischen Beiträgen von Javier Arce, Aicha BenAbed, Fatih Bejaoui, Frank M. Clover, Noel Duval, Cécile Morrisson, Jörg Kleemann, Yves Moderan, Philipp von Rummel u. a.; aktueller Stand der Forschung zum afrikanischen Vandalenreich.
- Kongress, 5.–8. Oktober 2000, Tunis (Antiquité Tardive; Bd. 10). 2002, ISBN 2-503-51275-5.
- Kongress 20.–21. August 2001 (Antiquité Tardive; Bd. 11). 2003, ISBN 2-503-52262-9.
- Christoph Eger: Spätantikes Kleidungszubehör aus Nordafrika I. Trägerkreis, Mobilität und Ethnos im Spiegel der Funde der spätesten Römischen Kaiserzeit und der vandalischen Zeit. Münchner Beiträge zur Provinzialrömischen Archäologie 5. Reichert, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-89500-912-9.
- Claus Hattler (Hrsg.): Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Philipp von Zabern, Mainz 2009, ISBN 978-3-8053-4083-0 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010).
- Robert Kasperski: Ethnicity, ethnogenesis, and the Vandals. Some Remarks on a Theory of Emergence of the Barbarian Gens. In: Acta Poloniae Historia. 112 (2015) S. 201–242.
- Christian Leiber (Hrsg.): Die Vandalen. Die Könige, die Eliten, die Krieger, die Handwerker. Edition Trigena, Nordstemmen 2003, ISBN 3-9805898-6-2 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Maria-Curie-Skłodowska-Universität Lublin, Landesmuseum Zamość und Weserrenaissance-Schloss Bevern).
- Andy Merrills, Richard Miles: The Vandals. Wiley-Blackwell, Oxford 2010, ISBN 978-1-4051-6068-1.
- Yves Modéran: Les Maures et l'Afrique romaine. 4e.-7e. siècle (Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome; Bd. 314). EFR, Rom 2003, ISBN 2-7283-0640-0.
- Walter Pohl: Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration. Kohlhammer, Stuttgart 2002, S. 70–86, ISBN 3-17-015566-0.
- Ludwig Schmidt: Geschichte der Wandalen. 2. Aufl. Beck, München 1970, ISBN 3-406-02210-3 (Nachdr. d. Ausg. München 1942).
- Roland Steinacher: Die Vandalen. Aufstieg und Fall eines Barbarenreichs. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-608-94851-6.
- Konrad Vössing: Das Königreich der Vandalen. Geiserichs Herrschaft und das Imperium Romanum. Philipp von Zabern, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8053-4761-7.
- Konrad Vössing: Die Vandalen. C.H.Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-71881-6.
Weblinks
- Siehe Wikimedia Commons
- scinexx.de: Das vergessene Königreich 20. Juli 2018
