

Physikum
Physikum ist die traditionelle Bezeichnung für die erste große Zwischenprüfung im Studium der Humanmedizin in Deutschland. Seit einer Reform der Approbationsordnung im Jahr 2002 lautet die amtliche Bezeichnung Erster Abschnitt der Ärztlichen Prüfung. Trotz der offiziellen Umbenennung wird der Begriff Physikum im universitären Alltag, in der wissenschaftlichen Literatur sowie in Fachwörterbüchern weiterhin häufig verwendet.
Das Physikum bildet den Abschluss der vorklinischen Studienphase und stellt die erste umfassende Leistungsüberprüfung im Medizinstudium dar. In dieser Prüfung werden vor allem grundlegende medizinische und naturwissenschaftliche Kenntnisse abgefragt, die in den ersten Studienjahren vermittelt werden.
Auch in anderen medizinischen Studiengängen existieren vergleichbare Prüfungen. Im Studium der Zahnmedizin lautet die entsprechende Prüfung Zahnärztliche Vorprüfung'. In der Veterinärmedizin wird traditionell ebenfalls der Begriff Physikum verwendet, wobei parallel dazu die Bezeichnung Tierärztliche Vorprüfung gebräuchlich ist. In einigen Studiengängen, insbesondere in der Zahn- und Veterinärmedizin, wird vor dem Physikum zusätzlich ein sogenanntes Vorphysikum abgelegt, in dem grundlegende naturwissenschaftliche Fächer wie Physik, Chemie und Biologie geprüft werden.
Geschichte
Die Einführung des Physikums geht auf Reformbestrebungen der medizinischen Ausbildung im 19. Jahrhundert zurück. Ziel dieser Reformen war es, das Medizinstudium stärker auf naturwissenschaftliche Grundlagen zu stützen und die Ausbildung systematischer zu strukturieren.
Eine wichtige Rolle spielte dabei der Anatom Vorlage:Ill, der im Jahr 1858 eine Reform der medizinischen Prüfungsordnung anregte. In Preußen wurde das Physikum im Jahr 1861 offiziell eingeführt und später im gesamten Deutschen Reich übernommen. Das Prüfungssystem wurde im Laufe der Zeit mehrfach angepasst, blieb jedoch in seinem Grundprinzip erhalten.
Mit der Neufassung der Approbationsordnung für Ärzte im Jahr 2002 wurde das Physikum rechtlich in den staatlichen Prüfungsablauf integriert. Seitdem bildet der Erste Abschnitt der Ärztlichen Prüfung den ersten Teil der staatlichen Gesamtprüfung für angehende Ärzte. Insgesamt markiert das Physikum bis heute einen zentralen Meilenstein im Medizinstudium in Deutschland.
Inhalte und Regelungen der Prüfung
Studiengang Humanmedizin
Rechtliche Grundlagen
Die rechtliche Grundlage für das Physikum in Deutschland bildet die Approbationsordnung für Ärzte (AOÄ) in ihrer aktuellen Fassung vom 27. Juni 2002 (zuletzt geändert am 17. Juli 2017). Die §§ 9 bis 21 enthalten allgemeine Prüfungsbestimmungen, während die §§ 22–26 Einzelheiten zum Ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung regeln. Die Vorschriften wurden vom Bundesminister für Gesundheit erlassen und besitzen die Wirkung einer Bundesverordnung.
Organisation, Durchführung und Inhalte
Das Physikum findet in der Regel nach vier Semestern des Medizinstudiums statt. Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen und einem mündlich-praktischen Teil, die an verschiedenen Terminen durchgeführt werden. Der schriftliche Teil ist deutschlandweit einheitlich und wird jährlich an zwei Terminen im März und August abgehalten. Er umfasst 320 Multiple-Choice-Fragen in den Fächern Physiologie/Physik (80 Fragen), Biochemie/Chemie (80 Fragen), Anatomie/Biologie (100 Fragen) sowie Medizinische Psychologie/Soziologie (60 Fragen). Die Bearbeitungszeit beträgt jeweils vier Stunden pro Tag. Jede Frage wird gleich gewichtet, und die maximal erreichbare Punktzahl beträgt 320 Punkte, kann aber bei Korrekturen an Aufgaben angepasst werden.
Der mündlich-praktische Teil umfasst nach der aktuellen Approbationsordnung die Fächer Anatomie, Physiologie und Biochemie/Molekularbiologie. Vor der eigentlichen Prüfung kann ein praktischer Vortermin stattfinden. Die Prüfung wird von Hochschullehrern der jeweiligen Universität durchgeführt, wobei die Prüfungsdauer pro Prüfling zwischen 45 Minuten und einer Stunde beträgt.
Bewertung
Schriftlicher und mündlich-praktischer Teil werden zunächst getrennt benotet. Die Gesamtnote des Physikums ergibt sich als arithmetischer Mittelwert der beiden Teilergebnisse. Nicht bestandene Prüfungsteile können zweimal wiederholt werden. Die Gesamtnote des Physikums geht zu einem Drittel in die Gesamtnote der Ärztlichen Prüfung ein. Das Bestehen des Physikums beendet die vorklinische Studienphase und leitet den klinischen Abschnitt des Medizinstudiums ein.
Studiengang Veterinärmedizin
Das Physikum in der Veterinärmedizin findet ebenfalls nach dem vierten Semester statt. Geprüft werden die Fächer Tierzucht und Genetik, Biochemie, Physiologie, Anatomie, Histologie und Embryologie. Die Prüfungen erstrecken sich über acht bis zehn Wochen und werden schriftlich, mündlich und teils praktisch abgelegt. Grundlagenfächer wie Chemie, Physik, Zoologie und Botanik werden bereits im Vorphysikum geprüft. Die Rechtsgrundlage bildet die Verordnung zur Approbation von Tierärztinnen und Tierärzten in der Fassung vom 27. Juli 2006 (§§ 5–28).
Studiengang Zahnmedizin
Das Physikum der Zahnmedizin kann frühestens nach dem fünften Semester abgelegt werden und umfasst die Fächer Anatomie, Physiologie, Biochemie und Zahnersatzkunde. Diese werden mündlich geprüft, Zahnersatzkunde zusätzlich praktisch. Die naturwissenschaftlichen Fächer Chemie, Physik und Biologie werden bereits im Vorphysikum geprüft. Grundlage hierfür ist die Approbationsordnung für Zahnärzte (§§ 3–31).
Prüfungsergebnisse
Das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) dokumentiert und veröffentlicht die anonymisierten Ergebnisse der Prüfungen. Beispielsweise erreichten im Herbst 2018 bundesweit 6552 Prüflinge durchschnittlich 74,7 % der maximal möglichen Punkte im schriftlichen Teil, wobei die besten Ergebnisse in Biologie (81,3 %) und die geringsten in Physik (61,5 %) erzielt wurden. Die durchschnittliche Gesamtnote lag bei 2,27.
Zukunftsaussichten
Im Rahmen der Reformen des Medizinstudiums sind Änderungen des Physikums vorgesehen. Geplant ist eine stärkere klinische Verzahnung, bei der die Studierenden bereits grundlegende Patientenkontakte durchführen, einfache Anamnesen erheben und wissenschaftliche Studien kritisch beurteilen können. Diese Anpassungen stehen im Zusammenhang mit dem Masterplan Medizinstudium 2020, der auf einen Paradigmenwechsel in der medizinischen Ausbildung abzielt. Insgesamt soll das Physikum dadurch praxisnäher und patientenorientierter gestaltet werden.
Siehe auch
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