

Projekte der Wikimedia Foundation und ihr Umgang mit Primärforschung (Originalforschung)
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Projekte der Wikimedia Foundation und ihr Umgang mit Primärforschung (Originalforschung)
Einleitung
Die Wikimedia-Projekte stellen eines der umfassendsten und einflussreichsten Vorhaben zur freien Bereitstellung von Wissen im digitalen Zeitalter dar. Seit der Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia im Jahr 2001 hat sich ein komplexes Netzwerk unterschiedlicher Plattformen entwickelt, das zahlreiche inhaltliche, technische und organisatorische Bereiche umfasst. Diese Projekte verfolgen das gemeinsame Ziel, Wissen frei zugänglich, kollaborativ erstellbar und dauerhaft verfügbar zu machen. Dabei bilden Offenheit, Transparenz, gemeinschaftliche Redaktion und freie Lizenzen die grundlegenden Strukturprinzipien.
Mit der globalen Verbreitung dieser Projekte wuchs zugleich die wissenschaftstheoretische und epistemologische Diskussion über ihren Charakter. Insbesondere die Frage, ob Wikimedia-Plattformen Orte originärer Forschung oder primär Vermittlungsinstanzen bereits publizierten Wissens sind, ist von zentraler Bedeutung. Während klassische wissenschaftliche Institutionen auf formalisierte Peer-Review-Verfahren, institutionelle Verantwortung und klar geregelte Autorschaftsmodelle zurückgreifen, beruhen Wikimedia-Projekte auf offenen, partizipativen Strukturen, in denen Beiträge grundsätzlich von einer breiten Öffentlichkeit erstellt und bearbeitet werden können. Diese strukturelle Offenheit erfordert besondere inhaltliche Leitlinien zur Sicherung von Qualität, Nachprüfbarkeit und Neutralität.
Vor diesem Hintergrund haben sich innerhalb der einzelnen Projekte differenzierte Regelwerke entwickelt, die den Umgang mit Primärquellen, Sekundärliteratur und eigenständiger Theoriebildung klar definieren. Während einige Plattformen strikt auf die Zusammenfassung bereits veröffentlichter Erkenntnisse beschränkt sind, existieren andere Projekte, die zumindest in begrenztem Rahmen Raum für explorative oder dokumentierte Forschungsaktivitäten bieten. Die Abgrenzung zwischen Wissensdokumentation und Wissensproduktion ist dabei nicht nur eine redaktionelle, sondern auch eine wissenschaftstheoretische Grundsatzfrage, die das Selbstverständnis des gesamten Wikimedia-Verbundes prägt.
Der folgende Artikel untersucht systematisch die einzelnen Wikimedia-Projekte hinsichtlich ihrer Zielsetzung, Struktur und ihres Umgangs mit Primärforschung. Dabei wird für jedes Projekt dargestellt, ob und in welchem Umfang eigenständige Forschung zulässig ist oder ob ausschließlich bereits publizierte Inhalte verarbeitet werden dürfen. Auf diese Weise wird deutlich, dass das Wikimedia-Ökosystem trotz gemeinsamer organisatorischer Grundlage eine funktionale Differenzierung aufweist, die von strikt enzyklopädischer Wissenszusammenfassung bis hin zu experimentelleren Lern- und Forschungsumgebungen reicht.
Die Wikimedia-Projekte und ihr Verhältnis zur Primärforschung
Die von der Wikimedia Foundation betriebenen Onlineprojekte bilden ein weltweit zugängliches Netzwerk freier Wissensplattformen, deren gemeinsames Ziel in der Sammlung, Strukturierung, Aufbereitung und Verbreitung von Wissen unter freien Lizenzen besteht. Trotz ihrer gemeinsamen organisatorischen und technischen Grundlage unterscheiden sich die einzelnen Projekte erheblich hinsichtlich Zielsetzung, Methodik, Inhaltsstruktur und insbesondere im Umgang mit Primärforschung, im angloamerikanischen Sprachraum als „original research“ bezeichnet. Die Frage, ob und in welchem Umfang innerhalb der Wikimedia-Projekte eigenständige wissenschaftliche Forschung betrieben oder publiziert werden darf, berührt grundlegende erkenntnistheoretische, wissenschaftsorganisatorische und qualitätssichernde Prinzipien, die für das Verständnis des gesamten Projektverbundes zentral sind.
Allen inhaltlichen Projekten gemeinsam ist die Orientierung an den Prinzipien der Verifizierbarkeit, der Nachvollziehbarkeit von Quellen sowie der Transparenz redaktioneller Prozesse. Die überwiegende Mehrheit der Projekte versteht sich ausdrücklich nicht als Ort zur Erstveröffentlichung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern als Plattform zur Darstellung bereits publizierten Wissens. Die Ablehnung von Primärforschung dient dabei der Sicherung von Neutralität, Überprüfbarkeit und wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit.
Wikipedia
Wikipedia ist das größte und bekannteste Projekt innerhalb des Wikimedia-Verbundes. Sie versteht sich als Enzyklopädie, deren Zweck in der systematischen Zusammenfassung und Darstellung des gesicherten Wissensstandes zu enzyklopädisch relevanten Themen besteht. Zentrales inhaltliches Prinzip ist das Verbot der sogenannten Theoriefindung, das in der englischsprachigen Version als „No original research“ bezeichnet wird. Dieses Prinzip untersagt ausdrücklich die Veröffentlichung eigener Hypothesen, neuer Interpretationen von Quellen, bislang unveröffentlichter Daten oder synthetischer Schlussfolgerungen, die in der herangezogenen Fachliteratur nicht bereits in vergleichbarer Form formuliert worden sind.
Erlaubt ist ausschließlich die Darstellung von Inhalten, die in zuverlässigen, veröffentlichten Sekundär- oder Tertiärquellen dokumentiert sind. Selbst die Auswertung von Primärquellen ist nur in dem Maße zulässig, in dem sie in der wissenschaftlichen Literatur bereits vorgenommen wurde. Die Enzyklopädie soll den Forschungsstand abbilden, jedoch keine neue Forschung generieren. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht positioniert sich Wikipedia somit als sekundäre Wissensinstanz, nicht als primäres Forschungsorgan.
Wikisource
Wikisource dient der Sammlung und Bereitstellung von gemeinfreien oder frei lizenzierten Quellentexten. Hierzu zählen historische Urkunden, literarische Werke, Briefe, Gesetzestexte oder andere dokumentarische Materialien. Im Unterschied zur Wikipedia stehen hier ausdrücklich Primärquellen im Mittelpunkt. Dennoch ist auch in diesem Projekt keine eigenständige Forschung vorgesehen. Die Texte werden transkribiert, digitalisiert und gegebenenfalls philologisch erschlossen, jedoch nicht interpretierend ausgewertet.
Analytische Kommentare, neue historische Deutungen oder eigenständige wissenschaftliche Schlussfolgerungen sind nicht Bestandteil des Projektes. Wikisource fungiert somit als Infrastruktur zur Bereitstellung von Quellenmaterial, während die wissenschaftliche Interpretation außerhalb der Plattform erfolgen soll.
Wikidata
Wikidata ist eine strukturierte, maschinenlesbare Datenbank, die Fakten in Form von Aussagen speichert und mit Quellen belegt. Ziel ist die zentrale Verwaltung von Daten, die von Wikipedia und anderen Projekten genutzt werden können. Auch hier ist keine Primärforschung vorgesehen. Jede gespeicherte Aussage soll sich auf eine veröffentlichte Quelle stützen. Eigene Hypothesen oder neu generierte Datensätze ohne externe Publikation widersprechen dem Projektziel.
Wikidata übernimmt somit eine infrastrukturelle Funktion innerhalb des Wikimedia-Ökosystems. Es organisiert vorhandenes Wissen in strukturierter Form, ohne neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu produzieren.
Wikibooks
Wikibooks ist als Plattform für frei zugängliche Lehr-, Sach- und Fachbücher konzipiert. Die Inhalte können didaktisch aufbereitet sein und methodische Anleitungen enthalten. Obwohl hier eine größere inhaltliche Gestaltungsfreiheit besteht als in der enzyklopädischen Wikipedia, ist auch Wikibooks grundsätzlich nicht als Publikationsort für originäre Forschung gedacht. Die Darstellung neuer wissenschaftlicher Ergebnisse ohne vorherige externe Veröffentlichung entspricht nicht dem Selbstverständnis des Projektes.
Ziel ist die Vermittlung bereits bestehenden Wissens in strukturierter Lehrbuchform. Eigene Forschungsergebnisse können nur dann dargestellt werden, wenn sie zuvor in geeigneter Weise publiziert und überprüfbar gemacht wurden.
Wikiversity
Wikiversity nimmt innerhalb der Wikimedia-Projekte eine Sonderstellung ein. Das Projekt versteht sich als Plattform für Lernmaterialien, Forschungsprojekte und kollaborative Studien. Im Unterschied zu Wikipedia besteht hier die Möglichkeit, Forschungsprojekte zu dokumentieren, Datensammlungen anzulegen oder explorative Arbeiten durchzuführen. In diesem begrenzten Rahmen kann Primärforschung stattfinden.
Allerdings ersetzt Wikiversity kein wissenschaftliches Peer-Review-Verfahren. Die Qualitätssicherung erfolgt durch offene Diskussion und gemeinschaftliche Überarbeitung, nicht durch institutionalisierte Begutachtung. Ergebnisse, die auf Wikiversity veröffentlicht werden, besitzen daher nicht automatisch den Status etablierter Fachliteratur. Gleichwohl bietet das Projekt Raum für methodische Übungen, studentische Forschungsarbeiten oder experimentelle Studien, sofern sie transparent dokumentiert werden.
Wikinews
Wikinews ist ein Projekt zur Erstellung freier Nachrichtenartikel. Anders als in der Wikipedia ist hier eigene Recherche im journalistischen Sinne zulässig, etwa in Form von Interviews oder Augenzeugenberichten. Dabei handelt es sich jedoch nicht um wissenschaftliche Primärforschung, sondern um journalistische Tätigkeit. Ziel ist die zeitnahe Berichterstattung über aktuelle Ereignisse, nicht die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Theorien.
Die redaktionellen Standards orientieren sich an journalistischen Prinzipien wie Quellenangabe, Überprüfbarkeit und Neutralität. Wissenschaftliche Originalforschung ist auch hier nicht vorgesehen.
Wikiquote
Wikiquote sammelt zitierfähige Aussprüche aus veröffentlichten Quellen. Eigene Interpretationen oder neue Zuschreibungen sind nicht zulässig. Primärforschung ist ausgeschlossen, da nur bereits publizierte und belegbare Zitate aufgenommen werden dürfen.
Wikivoyage
Wikivoyage ist ein Reiseführerprojekt. Es enthält praktische Informationen zu Reisezielen. Obwohl hier Erfahrungswissen einfließen kann, handelt es sich nicht um wissenschaftliche Forschung. Neue Theorien oder wissenschaftliche Hypothesen sind nicht Gegenstand des Projektes.
Wiktionary
Wiktionary ist ein freies Wörterbuch. Die Erfassung neuer Wortverwendungen erfolgt auf Grundlage belegter Sprachverwendung. Linguistische Theoriebildung oder eigenständige sprachwissenschaftliche Forschung ist nicht Ziel des Projektes. Auch hier steht die Dokumentation nachweisbarer Sprachrealität im Vordergrund.
Wikimedia Commons
Wikimedia Commons ist ein Medienarchiv für Bilder, Audio- und Videodateien. Es speichert frei lizenzierte Medieninhalte zur Nutzung in anderen Projekten. Wissenschaftliche Forschung findet hier nicht statt. Allerdings können hochgeladene Medien als Primärquellen dienen, etwa Fotografien historischer Objekte. Eine eigenständige wissenschaftliche Auswertung ist jedoch nicht Bestandteil des Projektes.
Meta-Wiki
Meta-Wiki dient der Koordination, Dokumentation und Diskussion der Wikimedia-Projekte selbst. Hier werden organisatorische Fragen, Richtlinien und technische Entwicklungen behandelt. Wissenschaftliche Primärforschung ist nicht vorgesehen.
Schlussfolgerung
Die Wikimedia-Projekte sind in ihrer überwiegenden Mehrheit als Plattformen zur Darstellung, Sammlung und Strukturierung bereits veröffentlichter Erkenntnisse konzipiert. Das ausdrückliche Verbot von Primärforschung in zentralen Projekten wie Wikipedia dient der Qualitätssicherung, der Neutralität und der Vermeidung unbelegter Theoriebildung. Lediglich Wikiversity eröffnet in begrenztem Umfang Raum für dokumentierte Forschungsprojekte, ohne jedoch ein klassisches wissenschaftliches Publikationsorgan zu ersetzen.
Es zeigt sich, dass das Wikimedia-Ökosystem primär auf Wissensvermittlung und Wissensorganisation ausgerichtet ist. Die Generierung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt überwiegend den etablierten akademischen Institutionen, Fachzeitschriften und Forschungseinrichtungen vorbehalten.