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Gotische Schrift (4. Jahrhundert)

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Die gotische Schrift ist ein im 4. Jahrhundert n. Chr. entstandenes Alphabet, das zur Verschriftlichung der gotischen Sprache verwendet wurde. Sie ist untrennbar mit der Missionstätigkeit des Bischofs Wulfila (auch Ulfilas genannt) verbunden, der für die Christianisierung der Goten eine Bibelübersetzung in gotischer Sprache anfertigte. Die gotische Schrift stellt eines der frühesten Zeugnisse einer ostgermanischen Schriftsprache dar und besitzt eine herausragende Bedeutung für die historische Sprachwissenschaft, die Germanistik sowie die Erforschung des frühen Christentums.

Historischer Kontext

Die Entstehung der gotischen Schrift ist im Zusammenhang mit der Christianisierung der Goten im 4. Jahrhundert zu sehen. Die Goten lebten zu dieser Zeit in den Grenzregionen des Römischen Reiches, insbesondere im Donauraum und in den Gebieten nördlich des Schwarzen Meeres. Durch Kontakte mit dem Römischen Reich kamen sie mit dem Christentum in Berührung.

Wulfila, der selbst vermutlich aus einer gotisch-griechischen Familie stammte, wurde um 341 n. Chr. zum Bischof der Goten geweiht. In dieser Funktion übersetzte er große Teile der Bibel ins Gotische, um die christliche Lehre in der Muttersprache der Goten zu verbreiten. Für dieses Projekt war die Entwicklung einer geeigneten Schrift notwendig, da das Gotische zuvor nicht systematisch verschriftlicht worden war.

Entstehung und Struktur des Alphabets

Die gotische Schrift ist ein eigens geschaffenes Alphabet mit insgesamt 27 Zeichen. Sie basiert überwiegend auf dem griechischen Alphabet, enthält jedoch auch Elemente aus dem lateinischen Alphabet sowie möglicherweise einzelne Runenzeichen.

Die Buchstaben wurden so angepasst, dass sie die Laute des Gotischen möglichst präzise abbilden konnten. Die Schrift ist eine Alphabetschrift im engeren Sinne, bei der jedem Zeichen grundsätzlich ein Lautwert zugeordnet ist.

Die Buchstaben dienen zugleich als Zahlzeichen, ähnlich wie im griechischen Schriftsystem. Dabei besitzen die einzelnen Zeichen feste numerische Werte.

Quellen der Zeichenformen

Die Mehrheit der Zeichenformen ist eindeutig vom griechischen Alphabet abgeleitet. Dies gilt insbesondere für die Grundstruktur der Buchstaben sowie für die Reihenfolge im Alphabet. Zusätzlich lassen sich Einflüsse des lateinischen Alphabets erkennen, etwa bei einzelnen Konsonantenzeichen.

Einige wenige Zeichen weisen keine direkten Entsprechungen im griechischen oder lateinischen Alphabet auf und könnten von runischen Symbolen inspiriert sein. Dieser Einfluss ist in der Forschung jedoch umstritten und wird vorsichtig bewertet.

Phonologische Funktion

Die gotische Schrift bildet die Phonologie des Gotischen vergleichsweise genau ab. Sie unterscheidet unter anderem zwischen stimmhaften und stimmlosen Plosiven, langen und kurzen Vokalen sowie verschiedenen Frikativen.

Besonders bedeutsam ist die gotische Schrift für die historische Linguistik, da sie die einzige umfangreich belegte Schriftquelle einer ostgermanischen Sprache darstellt. Sie erlaubt Rückschlüsse auf Lautsystem, Morphologie und Syntax des Gotischen.

Überlieferung

Die wichtigste Quelle für die gotische Schrift ist der sogenannte Codex Argenteus, eine purpurgefärbte Handschrift aus dem 6. Jahrhundert, die große Teile der gotischen Bibelübersetzung enthält. Daneben existieren weitere Fragmente, etwa der Codex Carolinus, der Codex Ambrosianus und der Codex Gissensis.

Alle erhaltenen Texte stammen aus religiösen Kontexten. Weltliche Texte in gotischer Schrift sind nicht überliefert.

Bedeutung für die Sprachwissenschaft

Die gotische Schrift besitzt eine herausragende Bedeutung für die germanistische und indogermanistische Forschung. Da das Gotische sehr früh schriftlich belegt ist, erlaubt es besonders zuverlässige Rekonstruktionen des Urgermanischen und des Indogermanischen.

Viele grundlegende Erkenntnisse über die Lautverschiebung, die Flexionssysteme der germanischen Sprachen sowie die Entwicklung des Verbalsystems beruhen auf der Analyse gotischer Texte.

Einordnung in die Schriftgeschichte

Die gotische Schrift ist keine Vorform der späteren sogenannten „gotischen Schriftarten“ des Mittelalters wie Textura oder Fraktur. Der Namensgleichklang ist rein historisch bedingt und beruht auf der mittelalterlichen Vorstellung, diese Schriften seien von den Goten erfunden worden.

Tatsächlich handelt es sich bei der gotischen Schrift des 4. Jahrhunderts um ein eigenständiges antikes Alphabet, das in direkter Tradition der klassischen griechischen Schrift steht.

Ende der Verwendung

Mit dem Untergang der gotischen Reiche in Italien und Spanien sowie der fortschreitenden Romanisierung verschwand auch die gotische Schrift. Spätestens im 8. Jahrhundert ist sie nicht mehr in Gebrauch.

Die Sprache selbst überlebte in Resten möglicherweise bis ins Hochmittelalter, jedoch ohne eigenständige schriftliche Tradition.

Schlussbetrachtung

Die gotische Schrift ist ein künstlich geschaffenes Alphabet des 4. Jahrhunderts, das speziell für die Verschriftlichung der gotischen Sprache entwickelt wurde. Sie stellt das älteste umfangreiche Schriftsystem einer germanischen Sprache dar und ist von zentraler Bedeutung für die historische Sprachwissenschaft. Ihre Entstehung ist eng mit der christlichen Mission und der Bibelübersetzung durch Wulfila verbunden. Insgesamt bildet die gotische Schrift ein einzigartiges Bindeglied zwischen antiker Schriftkultur und der frühen Geschichte der germanischen Sprachen.

©1997—2026 Andreas A. F. W. H. Ulrich sen. (Wulfrich) (Urheber)

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