Bedeutung der Externsteine im Teutoburger Wald für die Germanen

Die Externsteine stellen eines der bedeutendsten und zugleich rätselhaftesten Natur- und Kulturdenkmäler Mitteleuropas dar. Sie befinden sich im heutigen Teutoburger Wald in Nordrhein-Westfalen und bestehen aus einer markanten Sandstein-Felsformation, die sich ungewöhnlich deutlich aus der umgebenden Landschaft erhebt. Aufgrund ihrer auffälligen Gestalt, ihrer isolierten Lage und ihrer historischen Überprägungen gelten die Externsteine seit dem 19. Jahrhundert als möglicher vorchristlicher Kultort. Die Frage nach ihrer Bedeutung für die Germanen ist jedoch bis heute nicht abschließend geklärt und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen archäologischen Befunden, kulturhistorischen Analogien und späteren ideologischen Deutungen.
Ein zentrales methodisches Problem bei der Erforschung der Externsteine besteht darin, dass keine schriftlichen Quellen aus germanischer Zeit existieren, die den Ort direkt erwähnen oder seine Funktion beschreiben. Die Germanen hinterließen keine eigene Schrifttradition, sodass die historische Forschung auf indirekte Evidenzen angewiesen ist. Dazu zählen archäologische Spuren, landschaftsarchäologische Analysen, vergleichende Religionsgeschichte sowie mittelalterliche Quellen, die den Ort bereits in christianisierter Form dokumentieren. Die Rekonstruktion der germanischen Nutzung bleibt daher notwendigerweise hypothetisch und kann nur auf Wahrscheinlichkeiten beruhen.
Aus archäologischer Sicht ist festzuhalten, dass die Externsteine selbst keine eindeutig datierbaren germanischen Bauwerke aufweisen. Die heute sichtbaren Treppen, Kammern und Bearbeitungen stammen überwiegend aus dem Mittelalter, insbesondere aus der Zeit der Christianisierung und der klösterlichen Nutzung. Dennoch spricht die außergewöhnliche geographische Lage für eine frühere sakrale Bedeutung. In vielen vorchristlichen Kulturen galten markante Naturformationen wie Berge, Quellen, Haine oder Felsen als heilige Orte. Auch für die germanische Religion ist belegt, dass Kult nicht primär in Tempelbauten stattfand, sondern an besonderen Naturorten, die als Sitz oder Manifestation göttlicher Kräfte verstanden wurden.
Die Externsteine erfüllen mehrere Kriterien, die in der Religionswissenschaft typischerweise mit heiligen Orten assoziiert werden. Sie sind landschaftlich exponiert, visuell dominant und wirken durch ihre Form stark symbolisch. Solche Orte eignen sich besonders für kollektive Rituale, Opferhandlungen und religiöse Versammlungen. Tacitus beschreibt in seiner Germania, dass die Germanen Wälder und Haine verehrten und göttliche Präsenz nicht in anthropomorphen Götterbildern, sondern in der Natur selbst sahen. Diese Beschreibung lässt sich plausibel mit einem Ort wie den Externsteinen in Verbindung bringen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die mögliche astronomische Funktion der Felsen. Einige Forscher vertreten die These, dass bestimmte Öffnungen und Ausrichtungen der Felsen mit Sonnenständen korrespondieren, insbesondere mit der Sommersonnenwende. In mehreren vorindustriellen Kulturen spielten astronomische Beobachtungen eine zentrale Rolle für religiöse Kalender, Agrarzyklen und mythologische Vorstellungen. Auch in der germanischen Religion waren Sonne, Mond und Jahreszeiten von großer symbolischer Bedeutung, wie sich etwa in späteren nordischen Mythen widerspiegelt. Ob die Externsteine tatsächlich als prähistorisches Observatorium dienten, ist wissenschaftlich umstritten, jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Ort im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als er im Zuge der Romantik und später im Nationalsozialismus ideologisch überhöht wurde. In dieser Zeit wurden die Externsteine als zentrales Heiligtum der Germanen stilisiert, teilweise sogar als religiöses Zentrum eines angeblich einheitlichen germanischen Kultes. Diese Deutungen gelten heute als wissenschaftlich nicht haltbar und sind stark von politischen und ideologischen Motiven geprägt. Die moderne Forschung grenzt sich klar von diesen Projektionen ab und betont die Notwendigkeit einer nüchternen, quellenkritischen Betrachtung.
Sicher belegt ist hingegen die christliche Umdeutung des Ortes im Mittelalter. Das berühmte Kreuzabnahmerelief, das in den Felsen eingearbeitet ist und auf das 12. Jahrhundert datiert wird, zeigt deutlich, dass die Externsteine bewusst in einen christlichen Bedeutungsraum integriert wurden. Solche Christianisierungen sind typisch für Orte, die zuvor eine heidnische oder vorchristliche Bedeutung hatten. Die Strategie bestand darin, bestehende sakrale Orte nicht zu zerstören, sondern umzudeuten und in die neue religiöse Ordnung einzubinden. Dies spricht indirekt dafür, dass die Externsteine bereits vor der Christianisierung eine besondere religiöse Funktion besaßen.
Religionshistorisch lassen sich die Externsteine am ehesten als regionaler Kultort interpretieren. Es ist unwahrscheinlich, dass sie ein zentrales Heiligtum aller germanischen Stämme darstellten, da die germanische Welt politisch, kulturell und religiös stark fragmentiert war. Wahrscheinlicher ist eine lokale oder überregionale Bedeutung für die in der Region lebenden Gruppen, möglicherweise als Ort für jahreszeitliche Rituale, Opferhandlungen oder symbolische Versammlungen.
Die Forschungslage lässt sich somit wie folgt zusammenfassen. Es existieren keine direkten Beweise für eine spezifische germanische Nutzung der Externsteine, jedoch sprechen mehrere Indizien für eine vorchristliche sakrale Funktion. Dazu zählen die landschaftliche Exponiertheit, die typologische Vergleichbarkeit mit anderen vorchristlichen Kultorten, die mögliche astronomische Ausrichtung sowie die spätere Christianisierung des Ortes. Gleichzeitig müssen ideologisch geprägte Überinterpretationen klar zurückgewiesen werden, da sie nicht auf belastbaren wissenschaftlichen Grundlagen beruhen.
Es lässt sich festhalten, dass die Externsteine mit hoher Wahrscheinlichkeit ein vorchristlicher Kult- und Ritualort waren, der in die religiöse Vorstellungswelt regionaler germanischer Gruppen eingebettet war, ohne dass konkrete Götter, Rituale oder institutionalisierte Kultformen eindeutig rekonstruierbar sind, weshalb ihre Bedeutung wissenschaftlich am besten als plausibel begründete, aber nicht abschließend belegte sakrale Funktion beschrieben werden kann.
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