Rheinfranken
Die Rheinfranken waren eine Teilgruppe der frühmittelalterlichen Franken, die sich vor allem im Gebiet entlang des mittleren und unteren Rhein niederließen. In der historischen Forschung werden sie als westliche oder rheinische Fränkengruppe verstanden und bilden zusammen mit den anderen fränkischen Teilgruppen wie den Salfranken und den Ripuariern die ethnische und politische Grundlage des fränkischen Reiches. Der Begriff Rheinfranken ist eine moderne Sammelbezeichnung der Geschichtswissenschaft und kein zeitgenössischer Eigenname der betreffenden Bevölkerungsgruppe.
Quellenlage und Begriff
Die antiken und frühmittelalterlichen Quellen verwenden den Begriff Rheinfranken nicht ausdrücklich. Stattdessen sprechen römische und fränkische Autoren allgemein von Franken oder differenzieren nach regionalen Gruppen wie Salier und Ripuarier. Die Bezeichnung Rheinfranken dient in der modernen Forschung dazu, jene fränkischen Gruppen zu beschreiben, die sich seit dem 4. und 5. Jahrhundert dauerhaft im Rhein-Main-Gebiet und in angrenzenden Regionen niederließen. Die wichtigste Quellenbasis bilden spätantike Autoren wie Ammianus Marcellinus sowie fränkische Geschichtswerke des Frühmittelalters, insbesondere Gregor von Tours.
Siedlungsgebiet
Das Siedlungsgebiet der Rheinfranken umfasste vor allem das mittlere Rheintal sowie das Rhein-Main-Gebiet mit dem Raum um Mainz, Worms und Speyer. Im Osten grenzte dieses Gebiet an die Siedlungsräume der Alemannen, im Norden an die der Ripuarier und im Westen an gallorömische Bevölkerungsgruppen. Archäologische Funde, insbesondere Reihengräberfelder und Siedlungsreste, belegen eine kontinuierliche fränkische Präsenz in dieser Region seit der Spätantike.
Historische Entwicklung
Die Rheinfranken traten im 4. Jahrhundert erstmals deutlicher in den römischen Quellen hervor, als fränkische Gruppen wiederholt als Föderaten oder Gegner des Römischen Reiches am Rhein erwähnt werden. Im Verlauf des 5. Jahrhunderts nutzten sie den politischen Zerfall der römischen Herrschaft in Gallien und etablierten eigene Herrschaftsstrukturen. Unter der Führung der merowingischen Dynastie, insbesondere unter Chlodwig I., wurden die verschiedenen fränkischen Gruppen politisch vereinigt. Die Rheinfranken gingen dabei im entstehenden fränkischen Gesamtverband auf und verloren ihre eigenständige politische Identität.
Gesellschaft und Kultur
Die Gesellschaft der Rheinfranken war wie die der übrigen Franken stark durch militärische Gefolgschaftsstrukturen geprägt. Die soziale Ordnung beruhte auf freien Kriegern, lokalen Eliten und abhängigen Bevölkerungsgruppen. Kulturell verbanden sich germanische Traditionen mit römischen Einflüssen, was sich in der materiellen Kultur, der Bestattungssitte und der Verwaltungspraxis zeigt. Die Christianisierung setzte im rheinfränkischen Raum vergleichsweise früh ein, begünstigt durch die Nähe zu alten römischen Bischofssitzen wie Mainz und Trier.
Sprache
Sprachlich gehörten die Rheinfranken zu den westgermanischen Gruppen. Ihre Mundarten bildeten eine wichtige Grundlage für die spätere Entwicklung der fränkischen Dialekte, aus denen wiederum Teile des Mittelhochdeutschen hervorgingen. Direkte schriftliche Zeugnisse der rheinfränkischen Sprache existieren nicht, da die Verwaltung und Schriftkultur weiterhin stark vom Lateinischen geprägt waren.
Bedeutung für die deutsche und europäische Geschichte
Die Rheinfranken spielten eine zentrale Rolle bei der Entstehung des fränkischen Reiches, das als politischer Vorläufer sowohl des späteren Frankreichs als auch des Heiligen Römischen Reiches gilt. Durch ihre Siedlungsräume am Rhein trugen sie wesentlich zur kulturellen und politischen Prägung des westlichen Mitteleuropas bei. Die Integration rheinfränkischer Eliten in das merowingische und karolingische Herrschaftssystem bildete eine wichtige Grundlage für die mittelalterliche Staatlichkeit in dieser Region.
Forschung
Die moderne Forschung betrachtet die Rheinfranken nicht als klar abgrenzbares Volk im ethnischen Sinne, sondern als Teil eines dynamischen fränkischen Verbandes. Archäologie, historische Linguistik und die Auswertung spätantiker Quellen zeigen, dass ethnische Identitäten im Frühmittelalter flexibel und politisch überformt waren. Der Begriff Rheinfranken dient daher primär als analytische Kategorie zur Beschreibung regionaler Entwicklungen innerhalb der fränkischen Geschichte.
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Literatur
- Erich Zöllner: Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. C. H. Beck, München 1970.
- Ulrich Nonn: Die Franken. Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-017814-4.
- Matthias Springer: Riparii – Ribuarier – Rheinfranken nebst einigen Bemerkungen zum Geographen von Ravenna. In: Dieter Geuenich (Hrsg.): Die Franken und die Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ (496/97) (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 19). Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-015826-4, S. 200–269.
- Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61370-8, S. 251 ff.
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