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Varusschlacht nach Velleius Paterculus

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Bildliche Darstellung eines Angriffs der Germanen auf die römische Armee während der Varusschlacht.
Die eiserne Maske eines Gesichtshelms, die in Kalkriese gefunden wurde. Es wird von einigen Wissenschaftlern die Theorie aufgestellt, dass die Maske eventuell Arminius selber gehören könnte. Diese Vermutung lässt sich allerdings nur sehr schwer belegen.
Das Hermannsdenkmal bei Detmold im Teutoburger Wald.

Der römische Historiker Velleius Paterculus gehört zu den wichtigsten antiken Autoren, die über die Varusschlacht berichtet haben. In seinem Geschichtswerk, das unter dem Titel Historia Romana überliefert ist, beschreibt er die Ereignisse rund um die Niederlage des römischen Feldherrn Publius Quinctilius Varus gegen ein Bündnis germanischer Stämme unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius. Der Bericht des Autors besitzt für die historische Forschung besondere Bedeutung, da Velleius Paterculus als Zeitgenosse der Ereignisse gilt und selbst Offizier im römischen Heer gewesen ist.

Seine Darstellung ist jedoch nicht frei von politischer Perspektive. Als Anhänger und Zeitgenosse des römischen Feldherrn und späteren Kaisers Tiberius schildert Velleius die Geschehnisse aus deutlich römischer Sicht und legt besonderen Wert auf die moralische Bewertung der beteiligten Personen. Dadurch unterscheidet sich sein Bericht in Ton und Schwerpunkt von anderen antiken Autoren wie etwa Cassius Dio oder Tacitus, die die Ereignisse teilweise ausführlicher und mit größerem zeitlichen Abstand beschrieben haben.

Der folgende Artikel gibt den überlieferten Bericht von Velleius Paterculus über die Varusschlacht wieder und ordnet ihn in den historischen Zusammenhang der römischen Expansion in Germanien zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein. Insgesamt bietet der Text einen Einblick in die antike Wahrnehmung eines der einschneidendsten militärischen Ereignisse der römischen Geschichte.

Folgendes berichtet Velleius Paterculus über die Varusschlacht:

Unmittelbar nachdem Caesar den pannonischen und dalmatischen Krieg beendet hatte, trafen innerhalb von fünf Tagen nach der Vollendung dieses großen Unternehmens erschütternde Nachrichten aus Germanien ein. Darin wurde gemeldet, dass Varus gefallen war und drei Legionen, ebenso viele Reiterabteilungen sowie sechs Kohorten vollständig vernichtet worden waren. Das Schicksal zeigte sich uns wenigstens in einem Punkt gnädig, weil der Feldherr nicht bereits in andere Unternehmungen verwickelt war und deshalb Zeit blieb, auf die Katastrophe zu reagieren.[1]
Quintilius Varus stammte aus einer angesehenen, wenn auch nicht besonders alten Familie. Er war ein Mann von sanftem Wesen, ruhigem Charakter und sowohl körperlich als auch geistig eher träge. Er war mehr an die Ruhe des Lagerlebens gewöhnt als an den eigentlichen Kriegsdienst. Dass er dem Geld nicht abgeneigt war, hatte er bereits als Statthalter von Syrien gezeigt. Er war in eine reiche Provinz als armer Mann gekommen und hatte sie als reicher Mann wieder verlassen, während die Provinz selbst verarmt zurückblieb. Als er später das Heer in Germanien befehligte, bildete er sich ein, dort Menschen vor sich zu haben, die außer Stimme und Körper kaum etwas Menschliches besäßen und die zwar nicht durch das Schwert besiegt werden konnten, aber durch Recht und Ordnung zu zähmen seien. Mit diesem Vorhaben zog er mitten durch Germanien und verbrachte den Sommer damit, Recht zu sprechen und Gericht zu halten, als befände er sich unter Menschen, die sich an den Frieden gewöhnt hätten und seine Gerichtsbarkeit bereitwillig annähmen.[1]
Die Germanen jedoch, die bei aller Wildheit äußerst listig waren und von Natur aus zur Täuschung neigten, täuschten Rechtsstreitigkeiten vor. Bald beschuldigte einer den anderen und rief Streit hervor, bald dankten sie Varus dafür, dass durch die römische Rechtsprechung ihre angebliche Rohheit gezähmt werde und dass Dinge, die sonst mit Waffen entschieden würden, nun durch Recht geregelt würden. Auf diese Weise brachten sie Quintilius Varus in eine solche Sorglosigkeit, dass er glaubte, er spreche Recht wie ein Stadtprätor auf dem Forum in Rom, und nicht, dass er mitten in den Grenzen Germaniens ein Heer befehligte.[1]
In dieser Zeit trat ein junger Mann von vornehmer Herkunft hervor, stark im Kampf, rasch im Denken und für einen Barbaren von ungewöhnlicher Begabung. Sein Name war Arminius. Er war der Sohn des Fürsten Sigimer aus diesem Volk. In seinem Gesicht und seinen Augen zeigte sich der leidenschaftliche Mut seines Wesens. Er hatte zuvor häufig in römischen Diensten gestanden und sogar das römische Bürgerrecht sowie den Rang eines Ritters erhalten. Die Trägheit des Feldherrn nutzte er als Gelegenheit zum Verbrechen. Klug erkannte er, dass niemand schneller überwältigt wird als derjenige, der nichts fürchtet, und dass Sorglosigkeit sehr häufig der Anfang eines Unglücks ist. Zunächst zog er einige wenige, dann immer mehr Männer in seine Verschwörung hinein. Er erklärte ihnen, dass die Römer besiegt werden könnten, und überzeugte sie davon. Zu den Beschlüssen fügte er die Tat und legte den Zeitpunkt für den Hinterhalt fest.[1]
Diese Pläne wurden Varus durch einen treuen Mann aus demselben Volk mit Namen Segestes gemeldet, der hohes Ansehen genoss. Doch das Schicksal hatte bereits seine Macht über die Ereignisse ausgebreitet und den Blick seines Geistes verdunkelt. Denn häufig geschieht es so, dass ein Gott, der das Glück eines Menschen verändern will, zuerst dessen Einsicht verwirrt. Das führt zu dem beklagenswerten Zustand, dass das, was geschieht, am Ende sogar verdient zu sein scheint und ein Unglück als eigene Schuld erscheint. Varus erklärte daher, er glaube der Warnung nicht, und behauptete, die angebliche Freundlichkeit des Hinweisgebers gegenüber ihm sei nur vorgetäuscht. Nach dieser ersten Warnung blieb keine Zeit mehr für eine zweite.[1]
Den Ablauf dieses schrecklichen Unglücks, das für die Römer unter fremden Völkern seit der Niederlage des Crassus gegen die Parther kein größeres gewesen war, werden wir an anderer Stelle ausführlicher darstellen. Hier soll nur das Wesentliche beklagt werden. Das römische Heer, das tapferste von allen, das in Disziplin, Kampferfahrung und Stärke unter den römischen Soldaten an erster Stelle stand, wurde durch die Unfähigkeit seines Feldherrn, die Treulosigkeit des Feindes und die Ungunst des Schicksals eingeschlossen. Man gab den Soldaten nicht einmal Gelegenheit, so zu kämpfen oder auszuweichen, wie sie es gewollt hätten. Einige wurden sogar hart bestraft, weil sie in römischer Weise mit Mut und Waffen gehandelt hatten. In Wäldern, Sümpfen und Hinterhalten eingeschlossen, wurde das Heer von demselben Feind vollständig vernichtet, den es zuvor immer wie Vieh behandelt hatte und über dessen Leben oder Tod es nach Belieben entschieden hatte.[1]
Der Feldherr selbst zeigte mehr Mut zum Sterben als zum Kämpfen. Dem Beispiel seines Vaters und Großvaters folgend, durchbohrte er sich selbst mit dem Schwert. Von den beiden Lagerpräfekten gab Lucius Eggius ein ehrenvolles Beispiel, während Ceionius ein schändliches lieferte. Nachdem der größte Teil der Truppen gefallen war, riet Ceionius zur Kapitulation und zog es vor, durch Strafe zu sterben statt im Kampf zu fallen. Vala Numonius, der Legat des Varus, sonst ein ruhiger und anständiger Mann, setzte ein besonders schlimmes Beispiel. Er ließ die Infanterie im Stich, während er mit der Reiterei floh und mit einigen Begleitern versuchte, den Rhein zu erreichen. Doch das Schicksal rächte diese Tat. Er überlebte die, die er verlassen hatte, nicht, sondern starb selbst als Deserteur.[1]
Der halb verbrannte Leichnam des Varus wurde von der Grausamkeit der Feinde verstümmelt. Sein Kopf wurde abgeschlagen und zu Marbod gebracht. Von dort aus wurde er an Caesar gesandt. Dennoch erhielt er schließlich eine ehrenvolle Bestattung im Grab seiner Familie. Insgesamt zeigt dieser Bericht die ganze Tragweite der Katastrophe der Varusschlacht und die Ursachen, die zu diesem Untergang des römischen Heeres führten.[1]

(Der Text von Velleius Paterculus wurde von dem Autor dieser Arbeit zur vereinfachten Lesbarkeit aus der nachfolgenden Quelle neu formuliert bzw. verfasst, ohne ihn inhaltlich zu verändern.)

Siehe auch

Wissenschaftliche Primärquelle

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Varusschlacht nach Velleius Paterculus (Lateinischer Text mit Übersetzung) | Website des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL)